Verhört – Eine #SciFi-Kurzgeschichte

In letzter Zeit war er süchtig danach; als müsste er ständig etwas im Kopf haben. Wenn ihm einmal kein nützlicher Gedanke zwischen beiden Ohren summte, steckte er sich ein rosinengroßes Stück Schnupftabak in die Nase.

Bert hatte sich bereits an das erdige Aroma gewöhnt. Nuancen von Hibiskus, Brombeere, Pfefferminz oder Rosmarin und Meersalz waren ihm vertraut. Neuerdings hörte man viel von asiatischen Sencha-Sorten. Was er jetzt an seiner Nasenschleimhaut zu spüren begann, war gänzlich anders: sauer und pelzig wie Aronia. Es schüttelte ihn. Trotzdem widerstand er dem Drang, den Schnupftabak sofort wieder zu entfernen und langsam entspannten sich seine Glieder. Das war dringend notwendig zwischen den Verhörpausen.

In den letzten 72 Stunden hatte er vergeblich versucht, Hershken Informationen über das Versteck des Diebesgutes zu entlocken. Dieser Dreckskerl zeigte sich von der schier endlosen Tortur der Befragung völlig unbeeindruckt und saß noch immer seelenruhig auf seinem Schemel in dem klinisch sauberen Hinterzimmer, das vor einiger Zeit selbst noch als Versuchsraum diente. Fahles Licht fiel aus den Neoröhren an der Zimmerdecke. Die rostbraunen Narben auf Herschkens Gesicht hinterließen rissige Schatten auf seinen Wangen. Man wusste nie, ob er gerade triumphierend lächelte oder grimmig dreinschaute. Mehr als ein undefinierbares Brummen war von ihm nicht zu vernehmen.

Bert ließ die Tabatiere, einer überdimensionierten Münze gleich, zwischen den Fingern seiner rechten Hand umherwirbeln. Dann entschloss er sich zu einem erneuten Versuch.

„Wo ist die DNA?“

„Verdaut.“

„Wollen Sie mich veralbern, Sie haben Informationen von unschätzbarem Wert gestohlen, um sie anschließend zu vernichten? Sie könnten ganze Behörden, Ministerien und Regierungen damit erpressen, gar nicht zu reden von all den BioTech-Firmen und Pharmakonzernen.“

„…“

„Sagen Sie etwas!“

Statt einer Antwort wieder nur dieses Bärengeräusch: Bauchton, Bassus.

Es war zum Verrücktwerden. Irgendwie musste man diesen Kerl doch gefügig kriegen.

Bert’s Sekretär war schon vor einer gefühlten Ewigkeit damit beauftragt worden, beim zuständigen Abteilungsleiter nachzuhaken, welche Methoden den internationalen Konventionen zufolge erlaubt wären, um den Dieb zum Reden zu bringen – immerhin ging es hier um die Baupläne für sämtliche Therapeutika, die die SynBio-Branche in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hatte.

Eine Antwort ließ nach wie vor auf sich warten.

Bert belud seine Nase mit dem verbliebenen Schnupftabak aus dem anthrazitfarbenen Döschen und stapfte, nachdem ihm noch einmal kurz der Ekel durchfahren hatte, zurück in das Untersuchungszimmer.

Herschken saß weiterhin reglos auf seinem Schemel. Nur ein winziger Unterschied zu der Szenerie vor einigen Minuten: er war plötzlich vollkommen nackt. Bert konnte einen Strichkode erkennen, der mit Tinte unter die spröde Haut der linken Brust seines Delinquenten gestochen worden war. Sein Oberkörper war noch der eines Athleten, mit klar definierten Proportionen. Nur darunter offenbarten sich schon einige Spuren des Verfalls. Tiefe Furchen zogen sich entlang seiner Leisten, die Beine hingen leblos an ihm herab, vereinzelte Inseln krausen Haares fanden sich darauf zunehmend voneinander isoliert.

Wann hatte Hershken all seine Kleidung abgelegt? – und vor allem: Wo hatte er diese hingeschafft? In dem kaum sechzehn Kubikmeter messenden Raum, in dem sich nichts befand außer zwei hageren Stühlen, gab es nicht gerade viele Versteckmöglichkeiten. Während Bert darüber nachdachte, drängte sich ihm eine weitere, viel bedeutendere Frage auf: Warum zieht sich ein Schwerverbrecher im Zuge eines Verhörs überhaupt aus?

In diesem Moment kam der Sekretär durch die einzige Tür des Zimmers gestolpert. Er schien außer Atem, jedoch von dem nackten Herschken keinerlei Notiz zunehmen.

Bert bedeutete seinem Sekretär mit einer Geste als wollte er sich etwas Frischluft zu fächern, ihm in den Nebenraum zu folgen.

„Wieso hat das so lange gedauert?“

„Wie bitte? Hat er denn immer noch nicht geredet?“

„Du solltest doch herausfinden, was wir mit ihm machen können, damit er endlich den Mund aufmacht. Aber an Stelle seines Maules öffnet er nur seinen Reißverschluss und zieht die Hose aus.“

Wieder schien der Sekretär nichts anstößiges an dem Gesagten zu finden.

„Ich habe Ihnen die Bestätigung doch bereits gestern Nacht übersandt. Wir dürfen diese neuromanipulative Substanz verwenden. Sie wird nasal verabreicht, verbindet sich mit den Nervenzellen in der Nasenschleimhaut. Die dabei entstehenden neuronalen Netzwerke lassen bewusste Hemmschwellen sinken. Das führt dazu, dass man zuvorderst Geheimnisse ausplaudert. Äußerst effektiv. Wir haben das damals…“

„Deshalb ist der nackt“, sagte Bert mehr zu sich selbst als zum Sekretär. Eine Pause entstand.

„Ich verstehe nicht. Ich hatte dem Kurier extra mitgeteilt, er solle das graue Döschen hier auf den Tisch legen, Sie wüssten Bescheid und wollten beim Verhör nicht gestört werden.“

„Moment, was sagst du da?“

Bert stutze.

„Und wenn das Medikament nicht greift? Sind irgendwelche Nebenwirkungen bekannt?“

„Nun ja, in der Studie gab es damals einen paar vereinzelte Testpersonen, die nicht begannen, wie Vögelchen zu singen. Stattdessen klagten sie über starke Schlafstörungen und Halluzinationen. Der Anteil derer war nicht signifikant, weswegen das Mittel zumindest für unsere Abteilung und den Einsatz bei Anliegen mit gewisser Dringlichkeit, wie dieser hier, zugelassen wurde.“

 

Diese Kurzgeschichte entstand im Februar 2013 im Rahmen einer Textwerkstatt und ist erschienen in SYNBIO MEETS POETRY: Was passiert, wenn Synthetische Biologie auf Poesie trifft…

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