Das Leben als Band

Die letzten beiden Wochen waren intensiv. 10 Auftritte in 14 Tagen, über 3.020 km auf der Schiene zurückgelegt, und dabei 356,36 Euro an Fahrtkosten generiert. Doch was sich auch bei über 2.000 Zuschauern in dieser Zeit nicht so leicht in Zahlen ausdrücken lässt, ist, wie sehr #ScienceSlam verbindet. Das ist gut so; und nötig. Es folgt ein Reisebericht, und ein Plädoyer für noch mehr Mitmenschlichkeit in Wissenschaft und Gesellschaft!!

An Christi Himmelfahrt, Donnerstag, den 5. Mai, fühlte ich mich nicht gut. Meine Nase lief mehr als für meine Hausstaubmilbenallergie üblich und der Hals kratze. Ich war äußerst müde und erschöpft. Dabei musste ich am Nachfolge-Buch von Tutorium Mathe für Biologen arbeiten. Und in der folgenden Woche stand gleich drei Mal Science Slam in drei Ländern (Baden-Württemberg, Hessen, Schweiz) auf dem Programm. Krank zu werden, stellte keine Option dar. Aber die Erkältung schlich sich ein und wurde alsbald mit doppelten Mengen Tee (i.e. 6 Liter) und Schlaf (i.e. 10 Stunden pro Nacht) bekämpft. Am Dienstag, den 10. Mai, zehrte der Infekt noch deutlich an mir. Doch ich hatte dem Roxy in Ulm zuvor spontan meine Hilfe angeboten, weil die Organisatoren noch Slammer gesucht hatten, und wollte Wort halten. So brach ich nach Ulm auf; wenn auch sichtlich ausgelaugt.  Meine Performance von #ausgerot an dem Abend reichte wohl nicht an #AWHOAWC (siehe YouTube-Video unten) vom Februar heran, dennoch schien das Publikum Spaß zu haben. Da im Roxy immer diese magische Verbindung zwischen Zuschauern und Slammern entsteht, genoss ich die Veranstaltung sehr und ein erstes Band war geknüpft…

Nach einem letzten Getränk im Hemperium, dem Hanfrestaurant in Ulm, fuhr ich für eine Messung um 01:16 Uhr am Folgetag nach Heidelberg ins DKFZ zurück und arbeitete dort direkt durch. Um 18:44 Uhr kam ich schließlich erschöpft aber glücklich im Mainzer Capitol an.

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Das Capitol in Mainz birgt eine ganz besondere Atmosphäre; vor der Bühne, auf der Bühne und rund um den kleinen Aufenthaltsraum. Schließlich kam ich im Gästehaus des City hotel neubrunnenhof in Mainz zur Ruhe.

Ich war freudig erregt, denn dies war das erste Mal, dass meine Freunde von LUUPS den #AWHOAWC-Slam sehen sollten. Schlichtweg überwältigt war ich von den Rückmeldungen in Mainz; vor allem zum #Onkogen-Rap auf den Beat von MfG von Die Fantastischen Vier.

 

Gerade dieser – im Wissenschaftsalltag so unübliche – Zuspruch sorgt dafür, dass ich mittlerweile eine Science Slam-Sucht entwickelt habe.

Am Donnerstag, den 11. Mai, reiste ich in die schöne Schweiz. Der Science Slam Zürich ist etwas ganz Besonderes. Die Veranstaltung wird ausschließlich von Studierenden der ETH in ehrenamtlicher Freizeitarbeit organisiert. Die selbst eingeworbene finanzielle Unterstützung der zahlreichen Partner wird komplementiert von jeder Menge Freude und Herzblut. Enthusiasmus und Engagement sind vorbildlich und schaffen eine freundliche gleichwohl aufregende Stimmung in Zürich, die mir trotz letzter Halsschmerzen sehr zusprach. Das animierte mich nachträglich zu einem Freestyle-Rap über Zürich den ich auf ein Instrumental dann auf Video eingerappt habe, was nachstehend zu sehen ist.

Nach arbeitsreichen Pfingsttagen, und einem letzten Labor-Check an meinem ersten Urlaubstag, brach ich an selbigen Mittwoch, den 18. Mai, schließlich nach Hamburg auf. Seit Kindertagen bin ich der Stadt und dem FC St. Pauli eng verbunden. So ging ein Traum in Erfüllung, als ich in Sichtweite des legendären Millerntor-Stadions auf dem Heiligengeistfeld im nicht minder sagenumwobenen Uebel & Gefährlich, einem Club im 4. Stock eines Luftschutzbunkers, zum Science Slam auftreten durfte. Viel mehr Kiez-Atmosphäre war eigentlich gar nicht möglich, doch die Initiative strassenBLUES schaffte es, mich mit Günter Flocke bekannt zu machen. Günter war obdachlos auf St. Pauli, hat seine Frau an den Krebs verloren und ist mittlerweile selbst unheilbar an einem Krebsleiden erkrankt. Doch strassenBLUES erfüllte Günters letzten Wunsch und so zelebrierte er in der Pause des Science Slam vor 500 ihn frenetisch feiernden Zuschauern eine Hymne an den Kiez und den FC St. Pauli. Es rührte mich sehr, wie hoffnungsfroh Günter im persönlichen Gespräch wirkte. Ich bin dem gesamten Team des SCIENCE SLAM dankbar, dass es einen solch tollen Abend ermöglicht hat und mir damit die Chance eröffnete, ganz besondere Menschen kennenzulernen.

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Günter Flocke und Lorenz Adlung (v.l.) erfreuen sich am FC St. Pauli. Foto: Kathi Messmann.

Am nächsten Tag ging es dann weiter in die wunderschön bunte Dresdener Neustadt. Das Viertel ist links-alternativ geprägt und ich finde die dortigen Initiativen für mehr Vielfalt und Toleranz sehr unterstützenswert!! Der Auftritt in dem ehemaligen FDJ-Jugendclub Scheune in Dresden-Neustadt war mein lang herbeigesehnter erster Science Slam im Osten. Und die Offenheit der Menschen vor Ort, die eine ganz besondere Atmosphäre vor, während und nach dem Slam erzeugt, hat mich schlichtweg begeistert. Vielen Dank dafür.

Letzte Station auf meiner kleinen Science Slam-Tour war schließlich das Heimspiel in Heidelberg. Obwohl viele meiner Freunde leider kurzfristig absagen mussten, war es doch ein lustiger Abend.

  • Besonders schade ist es, wenn Bekannte die uns Slammern zur Verfügung gestellten Gästelistenplätze nicht nutzen können. Denn obwohl wir überall in Deutschland eigentlich in ausverkauften Clubs und Hallen auftreten, erhalten wir Slammer zumeist keine Gage. Kosten für Reise und Unterkunft werden erstattet, aber darüber hinaus existiert meistens kein finanzieller Ausgleich, und auch Preise für Gewinner besitzen zuvorderst symbolischen Wert. Das ist vollkommen okay, denn Science Slam ist eine Leidenschaft, für die ich gern meine Freizeit investiere, und obwohl es einen Wettstreit darstellt, geht es nicht primär ums Gewinnen.
  • Das Streben nach monitärem Gewinn sollte keine persönliche Motivation liefern, sich an einem Science Slam beteiligen. Ich betreibe das Ganze für:
    1. Die Wissenschaft und Forschungsfragen, die ich kommunizieren möchte.
    2. Meine Einsichten und Begeisterung, die ich teilen möchte.
    3. Die direkte Rückmeldung vom Publikum.
    4. Die Freunde und Bekannte, dich ich überall zum Science Slam einladen und besuchen kann.
    5. Die tollen Städte und Veranstaltungsorte, die ich dabei kennenlernen darf.
    6. Den Applaus und Zuspruch von den vielen Menschen vor Ort.

Dann ist es allerdings besonders schade, wenn man wegen kurzfristiger Absagen nicht mit seinen Freunden und Bekannten feiern kann. Das Leben bzw. die Lebenswissenschaften sind nun mal schlecht planbar. Und so liege ich in der Nacht des 24. Mai im Bett und frage mich wie so oft, was bleibt. Bei den vielen Reisen und Auftritten der vergangenen Tage könnte man sich als Band fühlen. Die Formulierung “Das Leben als Band” stammt von Serk MC auf seinem Track mit GODsilla: All that I have. Ich habe viele neue Orte und Menschen kennengelernt und gelange zu der Einsicht, dass es trotz aller Unwägbarkeiten durchweg wertvolle Erfahrungen waren, die ich in dieser kurzen aber sehr intensiven Zeit sammeln durfte. Ich spüre, dass man allerorts eine besondere Verbindung herstellen kann. So wird ein Band geknüpft, zwischen sich selbst und seinen Mitmenschen, welches im besonderen Fall des Science Slam zwischen Wissenschaftler und Bürger verläuft. Genau dieser Austausch macht das Leben lebenswert. Denn das Leben als Band hält uns zusammen in einer Gemeinschaft. Ich verspüre große Dankbarkeit gegenüber den vielen Menschen nah und fern, die dies ermöglicht haben.

 

 

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