Rezension: Thea Dorn – Die Unglückseligen

Die UnglückseligenDie Unglückseligen by Thea Dorn

My rating: 4 of 5 stars
In Thea Dorns neuem Roman “Die Unglückseligen” geht es um die Wissenschaftlerin Dr. Johanna Mawet, die in der Gegenwart an den genetischen Grundlagen der Unsterblichkeit forscht und auf den scheinbar unsterblichen Johann Wilhelm Ritter trifft, der bereits am 16. Dezember 1776 geboren wurde.


Seit dem Druckfrisch-Interview hatte ich mich außerordentlich auf “Die Unglückseligen” gefreut; und das zurecht. Denn meine durchaus hohen Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Allerdings empfand ich die Lektüre nicht in erster Linie als anregend zum Nachdenken über Wahrheit und Vergänglichkeit, sondern schlichtweg als unterhaltsam.
Dorn entwickelt den Plot linear, erzählt aus der Perspektive von Mawet und Ritter, wobei letzterem einige Sprünge in die (i.e. seine) Vergangenheit gewährt werden. Hinzu kommt ein auktorialer Erzähler, der das Geschehen immer wieder pointiert kommentiert und sich zuletzt als (view spoiler) zu erkennen gibt.

Die beiden Hauptfiguren sind durch ihre Perspektive klar voneinander zu unterscheiden. Mawets Sichtweise wird zunächst in klaren, bedingt etwas schnodderigen Sätzen beschrieben, in denen einige Anglizismen verwoben sind, was am Forschungsaufenthalt der Molekularbiologin in Amerika liegen mag (“Genomische DNA zu gewinnen, gehörte zum gewöhnlichsten Laboralltag, trotzdem war Johanna aufgeregt wie ein freshman, als sie das kleine Knäuel verdrillter weißer Fäden mit einem winzigen Glashaken aus dem Ethanol fischte”). Hingegen mutet die Sprache Ritters tatsächlich eher aus der Epoche der Aufklärung an (“Wo nehmen Sie die Gewissheit her, dass es kein Trugbild nicht ist, das wir betrachten?”), was die Bemerkungen des Naturforschers, der treffender Weise etwas aus der Zeit gefallen wirkt, sehr amüsant erscheinen lässt.
Nebenfiguren sprechen mitunter in schwäbischer oder bayrischer Mundart, was authentisch wirkt, aber meinen Lesefluss deutlich verlangsamt hat; genauso wie die Typographie an einigen Stellen. Ein 20-seitiger Brief von Justinus Kerner vom 25. Februar 1845 ist beispielsweise in einer etwas verspielteren Schriftart gesetzt, die wohl altertümlich anmuten soll aber mich beim Lesen zuvorderst angestrengt hat. Ähnlich verhielt es sich mit den geäußerten Gedanken einer Fledermaus gegen Ende des Buches, die zudem unpassender Weise illustriert waren. Gedanken- und Zeitsprünge sind nur inkohärent gekennzeichnet, etwa durch “…”, “-” oder einen Absatz.

Den größten Reiz des Buches stellte für mich im Vorhinein jedoch die Schilderung der Molekularbiologie dar, weil ich in ebendiesem Gebiet selbst tätig bin.
Anekdotenreich, klischeehaft und kritisch wird der Wissenschaftsbetrieb beschrieben:

Keiner der versammelten Molekularbiologen, Genetiker und Physiologen hier glaubte, dass die Erde eine Scheibe war, und dennoch kam es Johanna so vor, als ob sie alle auf großen flachen Tellern lebten, über deren Ränder sie nur hinausschauten, um sich des nächsten Tellerrandes zu vergewissern.

Über Tellerränder und deren Überwindung hatte ich seinerzeit auch mal bei der Studienstiftung gesprochen und die Folien auf Figshare zur Verfügung gestellt.
Als großer Skeptiker gegenüber den modernen Lebenswissenschaften mit all ihren technischen Neuerungen weist sich gleichwohl Ritter selbst aus:

Immer unverständlicher ward Ritter, wie sie [Mawet] so arbeiten konnte. Mit all den Apparaturen, die sie selbst nicht zu durchdringen schien. Gewiss, auch er [Ritter] hatte damals nicht jede seiner Elektrisiermaschinen eigenhändig gebaut. Doch hätte er’s gekonnt!… Als elende Professionistin hatte sie [Mawet] sich erwiesen, vernagelter denn alle, gegen die er [Ritter] vormals zu Felde gezogen. Wie hatte er einen Augenblick bloß hoffen können, durch jene engsichtige Wissenschaft werde Aufschluss oder gar Erlösung ihm zuteil?

Schlussendlich resigniert auch Mawet etwas:

“Ich dachte immer, wir Genetiker wären die Allertollsten”, sagte sie so leise, wie wenn sie einzig zu sich selbst spräche. “Diejenigen, die der Menschheit den entscheidenden Befreiungsschlag bringen würden. Vielleicht habe ich mich geirrt. Vielleicht sind wir in Wahrheit nichts weiter als die Erbsenzähler der Evolution.”

Das Motiv der Genetiker als Erbsenzähler hatte ich auch in meinem Modellansatz-Shoutout-Rap einstmals aufgegriffen.
Diese betrübliche Lage, in der sich die Protagonisten befinden, verleiht dem Buch auch seinen Titel.
“Infausti sumus”, sagt Ritter: “Unglückselige sind wir”.
Er versucht damit, eine der zahlreichen philosophischen/theologischen Debatten zu beenden, die sich immer wieder zwischen den beiden Hauptfiguren entwickeln. Doch während Ritter an dieser Stelle noch auf die Gnade Gottes hofft, fühlt er sich gegen Ende des Buches noch verzweifelter:

Wo sollte er [Ritter] Trost hernehmen? Sollte er ihr [Mawet] anvertrauen, dass er – im Angesicht der Erkenntnis, dass nicht allein Gott sich von ihm abgewandt, sondern auch der Teufel kein Interesse, ihm zu antworten – einst den nämlichen Zorn, den nämlichen Schmerz verspürt? Bis zu jenem Tage, da er begriffen, dass einzig der Unglückseligen Unglückseligster dahin sich verirrte, des Menschen Teufelsverlassenheit zu beklagen?

Und so eint den Naturforscher Ritter, dessen Wikipedia-Eintrag im Buch von Mawet studiert wird, und die Lebenswissenschaftlerin Mawet, die auf Medienvertreter und Mediziner gleichwohl schimpft, eine generelle Tristesse und Enttäuschung.
Ansonsten wird die Handlungen von den zahlreichen Konflikten getragen, die sich im Spannungsfeld der anfangs so gegensätzlichen Hauptfiguren zwangsläufig ergeben.
Trotz einiger Längen in den Rückschauen und etwas zu kleinteiliger Cliffhanger sind die ausgetragenen Scharmützel sehr unterhaltsam und deshalb lesenswert.
Zumal das Thema der Unsterblichkeit – oder zumindest Langlebigkeit – auch auf dem aktuellen Cover des Science Magazine Ausdruck findet und in zwei Übersichtsarbeiten im Journal Cell zu metabolischen und epigenetischen Ursachen besprochen wird.

Was bleibt ist ein empfehlenswertes Buch, das ein Bild von Wissenschaftlern als Getriebene zeichnet, die wir wohl sind; wenn auch nicht allzu unglückselig…

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