Rezension: Sibylle Berg – Wunderbare Jahre

Wunderbare JahreWunderbare Jahre by Sibylle Berg

My rating: 4 of 5 stars
Ein (alt)kluges Buch. Und doch erschreckt mich, dass Sibylle Bergs Gedanken über die Welt an sich so kongruent sind mit meinen. Immer wieder liest man in “Wunderbare Jahre” von den Bestrebungen auf Verzicht und den Abneigungen gegen das kapitalistische Wertesystem, die ich teile.

Eher immer weniger Musik, immer weniger Möbel, denn das Bewusstsein, dass einer all das Gerümpel zu entsorgen hat, in Kopf und Behausung, verleidet mir als höflichem Mensch ausufernden Konsum und Kaufgebaren.

Man selbst ist momentan nur 1 Erdenbürger von etwa 7.500.000.000 (Stand im November 2016). Vielleicht sollten wir unser eigenes Wohlsein häufiger ins Verhältnis setzen zu den Unmengen an Leid.

[I]ch bin gerührt von Menschen, die sich nicht zu wichtig nehmen und die nach etwas suchen, das größer ist als der Kapitalismus.

Ich hoffte immer, ich sei naiv. Aber mit zunehmender Lebenszeit scheint sich der Eindruck zu verfestigen, dass die Menschheit eine Meisterschaft darin hegt, Hässliches schönzureden, Elend zu übersehen, Aufschreie zu überhören und Veränderungen nicht zu spüren.
In 19 Kapiteln nimmt uns Sibylle Berg mit auf Reisen, u. a. nach Italien, Israel, Amerika, Österreich und die Schweiz. Gewohnt pointiert werden Anekdoten aus über 22 Jahren preisgegeben, die von Isabel Kreitz mit assoziierten Schwarz-Weiß-Zeichnungen illustriert sind.
Die Geschichten handeln von Sehnsucht und diversen komischen wie tragischen Absurditäten, die am Ende stets mit einer Notiz zu aktuellen Missständen versehen sind.
Da wären die Goldgräber am Amazonas in Brasilien, die in verzweifelter Hoffnung auf Reichtum Raubbau sondergleichen an der Natur betreiben, indem sie den Regenwald abholzen und Quecksilber in Grundwasser und Flüsse spülen.
Besonders eindrücklich sind die Schilderungen vom Hundeleben einer Frau aus Bangladesch, die in einem Slum in Dhaka misshandelt wird und stirbt. In Bangladesch sind Frauen noch heute weniger wert als Hunde.
All das wissen wir, und trotzdem kaufen wir Textilien die unter menschenverachtenden Bedingungen genäht wurden nur weil sie billig sind und fahren entspannt in den Urlaub gen Mittelmeer, an dessen Küsten jedes Jahr ungezählt viele Menschen sterben auf ihrer vergeblichen Suche nach Asyl und Zuflucht. Das Verrecken ist weit weg…

So eine Safari geht krass an die Nerven.
Das Spiel mit dem Tod. Wenn auch nicht mit dem eigenen.

 

Warum sollte man “Wunderbare Jahre” lesen? Um den Kopf zu schütteln ob all des Unrechts in der Welt? Ein gutes Buch soll doch sein wie eine Urlaubsreise: unterhaltsam, illusorisch, utopisch; uns mitnehmen an einen besseren Ort. Das vermag “Wunderbare Jahre” durchaus.

Wenn man mir vorschreibt, wie ich zu entspannen habe, reagiere ich mit grober Verstimmung. Es gibt zu wenig Freiheit in der Welt.

Und doch sollten wir uns der Missstände bewusst sein. Fakten bleiben wahr auch wenn man die Augen vor ihnen verschließt. Deswegen sollten wir uns der Freude und der Angst immer wieder in ihrem aktuellen Ausmaß vor Ort vergegenwärtigen.

Und ich denke: Wiederkommen ist gut. Das ist die Welt, für die ich kämpfe.

Was Sibylle Berg in “Wunderbare Jahre” eigentlich in Bezug auf Verliebtheit meint, kann mitunter als Maxime für das Erzählen von Geschichten gelten. Denn jeglicher Kommunikationsversuch ist besser als das Schweigen.

[U]nd ich saß da und redete atemlos Schwachsinn, mit Angst, dass ich nicht genügen würde, wenn ich schwieg.

Was wir erleben ist mitunter schwer in Worte zu fassen, Zahlen sind wenig repräsentativ für Gefühle. Sibylle Berg gelingt es, uns aufzurütteln. Das Leben spielt unruhig von heiter über traurig und langweilig bis skurril mit einer bunten Palette.
Und so fragt man sich, ob es Absicht ist, dass in “Wunderbare Jahre” vor den “Terroreinheiten der Polizei” ein “Anti-” fehlt. Zwischen klug und klüger liegt meist nur ein Buch…

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