Es ist vollkommen egal

Vor einem Jahr habe ich die Aktion #KeinKonsum2016 gestartet, welche sich nun dem Ende entgegen neigt. Wie verändert sich das Leben, wenn man auf Konsum verzichtet? Mein Rückblick fällt befriedigend und ernüchternd gleichermaßen aus.

Keine Klamotten, kein neues Smartphone, keine Souvenirs und auch keine Bücher. Ich habe im Jahr 2016 nur Lebensmittel, Körperpflege-Produkte und Kulturgüter (Theater-, Ausstellungs-, Kino- und Operntickets) käuflich erworben. Im Gegenzug habe ich viele Anziehsachen abgegeben, Elektronikwaren eingetauscht und Lesestoff ausgeliehen.  Das führte einerseits dazu, dass ich etwas fragwürdige Kleidungs-Kombinationen tragen musste.

 

Andererseits hat es mir geholfen, mich auf das Wesentliche zu beschränken, bzw. dieses zu definieren. Die Gespräche, die ich im Jahr 2016 mit meinen Mitmenschen geführt habe, verdeutlichten mir, dass es letzten Endes vollkommen egal ist, wie ein Mensch sich kleidet oder welche materiellen Dinge er besitzt. Das gilt im Guten wie im Schlechten: Ich werde kein besserer Mensch dadurch, dass ich mir, wenn meine alten Schnürsenkel reißen, keine neuen kaufe, sondern dafür alte, weiße Skater-Schnürsenkel in die schwarzen Winterstiefel einfädle. Genauso wenig werde ich ein schlechterer Mensch, nur weil die Kombination von schwarzen Stiefeln und weißen Schnürsenkeln zumeist von rechtsradikalen Ideologen getragen wird.

Allen steht die Freiheit zu, so viel zu besitzen oder zu verzichten, wie sie wollen.

Ich bin für die Freiheit und gegen das Pauschalisieren. Persönlich verspüre ich viel Genugtuung durch Verzicht: kein Kaffee, kein Fleisch, kein Alkohol, kein Nikotin, wenig Schlaf, wenig Zucker; alles in einem Maß, das an Selbstgeißelung grenzt. Aber jeder sollte die Balance für sein eigenes Wohlbefinden suchen. Natürlich sollte dies im Einklang mit unseren Mitmenschen geschehen, die durch unser Verhalten weder eingeschränkt noch verurteilt werden dürfen. Zwar halte ich es für erstrebenswert, möglichst ökologisch nachhaltig und ethisch vertretbar zu leben, jedoch akzeptiere ich gleichwohl, dass manche Menschen z. B. gerne Sprit-fressende Sportwagen fahren.

Warum das alles?

So löblich ich das Plädoyer für Verzicht finde; die Welt wird trotz aller Aktionen von uns Einzelkämpfern keine bessere. Es wird beispielsweise immer eine breite Masse existieren, die nicht auf Fleischverzehr verzichten will und ebensowenig gewillt bzw. in der Lage ist, für gute Qualität einen entsprechend hohen Preis zu zahlen. Obwohl diese Tatsache desillusionierend und deprimierend klingt, gibt es dennoch zwei Gründe, warum die Absage an überschwänglichen Konsum und Besitz lohnenswert sein kann. Dies gilt auch dann, wenn es auf lange Sicht und global irrelevant erscheinen mag:

  1. Materielle Entgiftung. Zunächst gleicht Verzicht (e. g. auf elektronische Geräte, s. Nomophobia) einer Horrorvorstellung. Tatsächlich kann es durchaus befreiend wirken, sich von Dingen zu trennen, die man nicht permanent benötigt. Man schafft Platz in der Wohnung, im Kopf und im Kalender, und lernt, sich auf das zu fokussieren, was einem wirklich wichtig ist. Diese “Reinigung” muss man zumindest einmal ausprobieren, um zu wissen, ob sie sich eventuell gut für einen anfühlt.
  2. Wahlfreiheit und Selbstbestimmung. Ich möchte nicht, dass wir uns von großen Werbeplakaten vorschreiben lassen, dass wir immer das neuste Mobiltelefon benötigen, saisonale Mode tragen müssen, oder nur entspannen können, wenn wir in den Urlaub an das andere Ende der Welt in ein x-beliebiges Luxus-Ressort fliegen. Die Leute können all dies tun – auch ganz ohne Lobby für große Konzerne. Es braucht stattdessen eine Lobby für die liberale Individualität.

Jede/r sollte im Rahmen des Grundgesetzes tun und lassen können, was sie/er möchte; obwohl oder gerade weil viele Dinge letzten Endes vollkommen egal sind. Insofern war #KeinKonsum2016 ein Appell für mehr Werte als nur Geldwerte, für mehr Vielfalt in unserem Alltagsleben und für mehr Freiheit fernab der Norm.

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