Rezension Sibylle Berg GRM Brainfuck

Wäre diese Rezension eine wissenschaftliche Veröffentlichung, würde man einen Interessenkonflikt angeben müssen. Ich befand mich mit der Autorin Sibylle Berg, die ich schon lange zuvor bewundert hatte, seit dem 22. September 2016 in Kontakt, und habe mit ihr diverse wissenschaftliche Aspekte der Geschichte recherchiert und diskutiert. Demgemäß werde ich in der Danksagung unter “Nerd-Kontrolle” aufgeführt.

Das Buch thematisiert im Titel das vorwiegend britische, gesellschaftskritische Rap-Genre Grime (“GRM”), welches für die zentralen Personen der Geschichte, vier verhärmte Heranwachsende, eine wichtige Rolle spielt. “Brainfuck” spielt auf die psychische, physische und digitale Gehirn-Manipulation an, die im Buch ebenfalls von großer Bedeutung sind.

Die Geschichte beginnt in den ersten Jahren dieses Jahrtausends und reicht einige Jahre in die Zukunft. Sie spielt in Großbritannien, zunächst in Rochdale, einer Kleinstadt unweit von Manchester, später in London. Die Hauptpersonen sind die vier Kinder bzw. Jugendliche: Don, Hannah, Karen und Peter. Sie werden, wie viele Akteure, mit einigen Stichworten zu Meta-Daten eingeführt. Da steht dann beispielsweise: “Carl. Gesundheitszustand: Risikogruppe Bluthochdruck. Politisches Verhalten: konservativ. Manipulationsmöglichkeiten: leicht empfänglich für rechtsextreme Propaganda. Sexuelle Orientierung: Pornos.” Den vier Hauptpersonen hat jeweils das Schicksal übel mitgespielt. Sie zählen zur absoluten Unterschicht. Ihre Eltern kümmern sich nicht um sie, misshandeln sie, verstoßen sie, oder kommen selbst zu Tode. Don, Hannah, Karen und Peter sind extremer Armut, Gewalt, Krankheit und sozialer Kälte ausgesetzt, sodass sie irgendwann nur noch in ihrer engen Gemeinschaft so etwas wie Trost (emp)finden. Sie haben nicht viel, aber sie haben einander. Sie legen eine Bestrafungsliste an, um sich an ihren Peinigern zu rächen.
Für diese Rache nutzen die Hauptpersonen gesellschaftliche Trends, die in unserer Gegenwart bereits in Anfängen zu erkennen sind, und im Buch stringent weitergedacht werden, bspw. das exzessive Nutzen sozialer Medien, den achtlosen Umgang mit persönlichen Daten, die Verwendung künstlicher Intelligenz usw. Don, Hannah, Karen und Peter leben zunächst im Internet und sehnen sich nach den Sphären der Grime-Stars. “Sie hielten ADHS nicht für eine Krankheit, die Alten waren einfach unerträglich langsam.” Doch dann beerdigen sie ihr Daten-/Konsum-Verhalten, indem sie ihre “Endgeräte” vergraben. In der britischen Gesellschaft, aber auch weltweit, wenden sich die Tendenzen derweil ins Extrem. So entscheidet eine Künstliche Intelligenz über die Weiterbeschäftigung eines Laborchefs nach dessen kurzem wie belanglosen Monolog. Es existieren zwar vereinzelt Zweifel, “ob es eine brillante Idee ist, Automaten die Entscheidungsgewalt über jeden Bereich des Lebens zu geben.” Aber die Hauptpersonen versuchen, gewissermaßen eine ganzheitliche Konterrevolution zu starten…
Männer werden zum Grundübel der Welt erklärt. “Kein besonders origineller Ansatz.” Aber vermutlich ein berechtigter. Nach einer Vergewaltigung wusch sich beispielsweise Karen zwei Stunden, “wissend, dass sie damit alle Klischees verwirrter Mädchen erfüllte, die natürlich selber irgendwie schuld an allem waren, hauptsächlich, weil an ihnen kein Penis befestigt war.”

Die Sprache des Romans ist wie die geschilderte Welt: brutal, kalt, direkt. Halbsätze, Ellipsen, Zeilenumbrüche mitten im Satz die von einer Szenerie in die nächste überleiten, und die an die sprunghafte Aufmerksamkeit ADHS-betroffener Jugendlicher erinnern: “Karen sieht aus dem Fenster – ein unfassbares Licht ist da draußen.
Da wartet

Don
In diesem Licht,(…)”
Die Erzählweise ist mitunter auch bruchstückenhaft, wenn zu einer Erklärung angesetzt wird, die abrupt endet: “(…) gilt es, das gerechte System der Kassen…« Und so weiter.”
Der Ton erinnert mitunter an die Kolumnen und Theaterstücke von Sibylle Berg, wenn sie zu ihren messerscharfen Gesellschaftsdiagnosen ansetzt und soziale Schichten seziert. Etwas unglücklich ist jedoch, das einige Phrasen der Erzähl-Stimme, wie “Verdammte Hacke”, oder “scheißt der Hund drauf”, von einzelnen Personen übernommen werden, was sprachlich unsauber wirkt. Die linear erzählte Geschichte liest sich ansonsten dynamisch und kurzweilig, wenngleich die Ausschraffierungen des Gesellschaftsbildes mitunter etwas redundant sind und Kürzungen vertragen hätten.

Insgesamt ist die Lektüre jedoch sehr zu empfehlen. Auf dem Buchrücken heißt es, die im Roman beschriebene Welt sei keine Dystopie, und, es werde nicht schlimm. Aber – ganz frei von jedweden Interessenkonflikten – sollten wir alle gemeinsam mit einer Debatte über unsere zukünftige Gesellschaft beginnen. Dazu liefert dieses Buch hoffentlich einen Anstoß.

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Single Cell Genomics 2018 Live Blog

I’m reporting live from the Single Cell Genomics meeting, Oct 29 – Oct 31, at the Broad Institute in beautiful Cambridge, MA.

Unfortunately, the organisers discouraged the audience from live tweeting about the talks as this is considered a closed meeting. IMHO they’d have rather encouraged the speakers to first share their brand-new stuff on a preprint server (to be protected from being scooped) and then discuss it openly. I’ll thus only share information with prior permission from the speakers.

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Volle Kontrolle

Es sei die Obsession eines Wissenschaftlers, alles genau wissen, messen und kontrollieren zu wollen. Mittlerweile ist es nicht nur in Systembiologie und personalisierter Medizin möglich, große Informationsmengen zu generieren und zu verarbeiten. Auch in unserem Sozial- und Privatleben ist die Datenerfassung auf dem Vormarsch. Zu welchen Extremen dies führen kann, spüre ich gerade am eigenen Leib.

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Reise nach Jerusalem

Mein rechter, rechter Platz ist leer. Vom Jaffator bis hin zum Meer. Je nach dem, Jerusalem, ein-Wort-Antwort: Hauptstadt. Anstatt Heiliger Ort, ein Satz: Einsatz für einen Platz zwischen den Stühlen. Eine Reise nach Jerusalem mit Fakten und Gefühlen…

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