Im Zweifel für den Zweifel

Ich bin mir unsicher. Deshalb bin ich vorsichtig. Das ist normal, ich bin nämlich Wissenschaftler. Die Menschen, die in den Wissenschaften arbeiten sind für Unsicherheiten sensibilisiert: Messfehler, technische Ungenauigkeiten, statistische Schwankungen – all dies gehört zu Experimenten dazu. Daneben existiert jedoch eine Unsicherheit, die sich nicht so gut in Zahlen fassen lässt: die gefühlte Unsicherheit: Richtige Methode? Richtige Interpretation der Ergebnisse? Ich handle zwar in meiner Forschung nach bestem Wissen und Gewissen, doch Wissen ist endlich, und Irren ist menschlich. Deshalb existieren im Wissenschaftsbetrieb verschiedene Instanzen der Rückversicherung: Qualitätskontrolle mittels unabhängiger Begutachtung der Forschungsergebnisse durch die wissenschaftliche Gemeinschaft. Dieses so genannte “Peer-Review“-Verfahren ist ein zentrales Instrument wissenschaftlichen Arbeitens. Einem deutschen Boulevard-Blatt scheint diese Praxis völlig unbekannt. Wissen oder Unwissen hielt dessen Redaktion jedenfalls nicht davon ab, eine skandalöse Rufmord-Kampagne sondergleichen zu inszenieren.

Um den Hintergrund der Aktion gegen Professor Drosten – vor allem aus journalistischer Perspektive – zu verstehen, sei der Podcast “Der Tag” des Deutschlandfunk vom 26.5.2020 empfohlen. Ich möchte das Ganze hier aus der Sicht eines Wissenschaftlers kommentieren.

Ein Plädoyer für offene Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation

Die Grauzone

Es mag skurril anmuten, aber es ist vollkommen egal, ob die verwendeten Methoden von Professor Drosten und seinem Team “grob falsch” sind oder nicht. Selten sind in der Wissenschaft absolute Formulierungen wie “richtig” oder “falsch” zutreffend. Sicherlich bestehen einige gut begründete Zweifel, ob beispielsweise die statistischen Verfahren, die angewandt worden sind, die geeignetsten waren. Grob falsch kann man das jedoch nicht nennen. Wissenschaft ist nicht schwarz-weiß. Es existiert eine Grauzone zwischen geeigneten und eher ungeeigneten Methoden sowie den aus Ergebnissen gezogenen Schlussfolgerungen. Ebenso verhält es sich bei guter wissenschaftlicher Praxis und Transparenz: Handelt es sich um streitbare methodische Fehler oder wurde versucht, bewusst zu täuschen? Letzteres kann man im Fall von Professor Drosten ausschließen. Denn die ohnehin mit aller Vorsicht diskutierten Daten wurden mit statistischen Kennzahlen zur Verfügung gestellt, was es der wissenschaftlichen Gemeinschaft erlaubt, andere statistische Verfahren zu testen. Ein möglicher Kritikpunkt hier lautet lediglich, dass die Rohdaten nicht einsehbar sind. Auf Nachfrage sollten diese zur Verfügung gestellt werden. Das Einzige, was sich in diesem Fall aber mit Absolutheit sagen lässt, ist dass die Unterstellung “grob falscher” Methoden an Dummheit oder Böswilligkeit kaum zu überbieten ist.

Der Vordruck: Offen und nicht abgeschlossen.

Die Form, in der Professor Drosten und sein Team ihre Arbeit vorgelegt haben, nennt sich “Preprint“. Dabei handelt es sich um eine Art Vordruck, in dem der erste Entwurf eines Manuskripts über die Forschungsergebnisse der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Verfügung gestellt wird. Dies geschieht zwar öffentlich und ist deshalb der Gesellschaft uneingeschränkt zugänglich, darf aber nicht mit der schlussendlichen Veröffentlichung, einer Publikation, gleichgesetzt werden. Der Zweck des Preprints besteht darin, die wissenschaftliche Gemeinschaft möglichst schnell an Forschungsergebnissen teilhaben zu lassen, damit Kolleginnen und Kollegen sehen, woran gearbeitet wird, was eventuell bereits ausprobiert wurde, und in welche Richtung sich bestimmte Technologien entwickeln. Dies ist in einem so dynamischen Forschungsfeld wie bei einer Virus-Pandemie wichtig. Nur gemeinschaftlich können wir zu einem Erfolg gelangen. Da es bei Entdeckungen im Wissenschaftsbetrieb auch darum geht, wer der oder die Erste ist, besteht natürlich die Gefahr, Ergebnisse voreilig als Preprint zu teilen, um im Zweifelsfall schneller zu sein als die Konkurrenz, wenngleich die Versuch(sergebniss)e noch nicht vollends ausgereift sind. Dabei handelt es sich eine Gratwanderung. Kritisieren kann man, dass das Team von Professor Drosten seine Arbeit auf einer Webseite der Berliner Charité hochgeladen hat, anstatt einen der zentralen Preprint-Server (biorxiv, medrxiv, etc.) zu nutzen. Dort werden Kennzahlen und Kommentare zu Preprints einheitlich organisiert. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass es sich bei Preprints um vorläufige Forschungsberichte handelt, die noch nicht begutachtet worden sind. Im Regelfall leitet das Preprint einen wissenschaftlichen Begutachtungsprozess ein, an dessen Ende die Veröffentlichung der überarbeiteten und redigierten Forschungsergebnisse in einem Fachjournal steht. Erst in diesem Stadium sollte man von einer abgeschlossenen wissenschaftlichen “Studie” sprechen. Denn ein Preprint ist nicht abgeschlossen; im Gegenteil – es ist offen (zugänglich!)

Begutachtung, Veröffentlichung, Kommentare

Der Begutachtungsprozess wissenschaftlicher Arbeiten dient zuvorderst der Qualitätskontrolle, um zu verhindern, dass ungesicherte Erkenntnisse oder unsaubere Methoden in wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht werden. Außerdem hilft das Verfahren den Forscherinnen und Forschern, ihre Ansätze zu verbessern. Sprichwörtlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, dasselbe gilt für das perfekte wissenschaftliche Manuskript. Stattdessen wird der erste Entwurf (zum Beispiel das Preprint) an den Herausgeber oder die Herausgeberin einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift versandt. Wird das Manuskript von der Redaktion für gut befunden, wird es an externe Gutachterinnen und Gutachtern verschickt, die sich auf den betreffenden Forschungsgebieten gut auskennen. Diese erstellen dann jeweils einen Bericht, in dem sie zusammenfassen, worum es in der vorliegenden Arbeit geht, und was für eine Veröffentlichung in dem Journal verbessert werden müsste. Die Berichte können methodische Kritik genauso beinhalten, wie Hinweise zur Interpretation der Daten. Die gesammelten Kommentare werden dann anonymisiert von der Redaktion an die Forscherinnen und Forscher zurückgeschickt, damit diese sie einarbeiten können. Danach wird eine überarbeitete Version des Manuskripts an die Redaktion geschickt, damit diese über die Veröffentlichung im Journal entscheiden kann. Das Prozedere kann sich über mehrere Runden und damit auch Jahre erstrecken. Nach der Veröffentlichung kann die Arbeit dann von der wissenschaftlichen Gemeinschaft weiter kommentiert und diskutiert werden. Dies geschieht neben wissenschaftlichen Tagungen und Konferenzen zuvorderst in Kommentarspalten wissenschaftlicher Zeitschriften, in privaten Blogs, oder auf Plattformen wie Twitter und PubPeer. Nicht selten kommt es vor, dass sich das schlussendlich veröffentlichte Manuskript deutlich von dem ersten eingereichten Entwurf unterscheidet, wie es sich in einer meiner Arbeiten gezeigt hat, deren Begutachtungsprozess in Gänze transparent hier zur Verfügung steht. Uns sind damals ehrliche Fehler unterlaufen, die wir ohne den Begutachtungsprozess nicht bemerkt und folglich nicht korrigiert hätten. Dieses Beispiel zeigt, dass Kritik am ersten Entwurf einer wissenschaftlichen Arbeit nichts Ungewöhnliches ist; und dass der Begutachtungsprozess die Qualität wissenschaftlicher Arbeiten sicherstellt und verbessert.

Wahrheit: Unsicherheit

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Wissenschaft ist genauso wenig perfekt wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sollten wir deshalb auf transparente, offene Wissenschaft und deren Kommunikation verzichten? Nein, im Gegenteil: Es braucht ein Mehr an Wissenschaftskommunikation. Denn das Prozedere wissenschaftlicher Veröffentlichungen und die damit einhergehende Unsicherheit in Ergebnissen und Schlussfolgerungen ist für die Menschen im Wissenschaftsbetrieb meist selbstverständlich. Der Öffentlichkeit scheint all dies unbekannt. Sonst hätte das Boulevard-Blatt trotz aller Verunglimpfungen niemals eine solche Aufmerksamkeit erlangt. Wer Vertrauen in die Wissenschaften stärken will, muss mit Fehlern offen umgehen. Die Konsequenz kann kein Weniger an Wissenschaftskommunikation sein. Daten, Methodenkritik und Revisionen zu verstecken, hilft niemandem. Deshalb sollten wir Professor Drosten als Vorreiter dankbar sein, der komplexe Zusammenhänge erklärt, und zur Vorsicht mahnt, weil Wissen kein Verstehen impliziert. Wir müssen der Öffentlichkeit unseren Enthusiasmus und unsere Ängste als Wissensschaffende mitteilen, das erzeugt Empathie und Vertrauen. Ich bin mir unsicher; so wie die Anderen auch. Aber ich bin mir sicher, wenn ich diese Unsicherheit (mit)teile, können wir sie gemeinsam überwinden, in der Wissenschaft, in der Gesellschaft, in Eintracht. Im Zweifel für den Zweifel.

An odyssey to paradise

You are running late in the middle of the night with an important validation experiment and an incubator is breaking down when you learn that your passport is expired. The plan was to fly to Israel the next day. That was how my trip to the Weizmann Institute of Science began.

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Not all models are useful

Comment on the Leading Edge Primer “Physical and Mathematical Modeling in Experimental Papers” by Wolfram Möbius and Liedewij Laan in Cell from December, 17th, 2015.

DOI: http://dx.doi.org/10.1016/j.cell.2015.12.006

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